Italien in Süddeutschland
Ein Einblick in die Chronik der italienischen Gemeinden hierzulande
„Chi siamo noi?“ („Wer sind wir?“) Antwort auf diese Frage gaben neuapostolische italienische Jugendliche, die in Süddeutschland leben, und ihre Seelsorger beim Gesamt-Jugendtag der Gebietskirche Schweiz/Italien im Oktober 2007 in Jesolo. Sie hatten – im Vergleich zu manchen Jugendlichen aus Italien – eine vergleichsweise kurze Anreise von 800 Kilometer, kamen aus der zweitgrößten Enklave von Italienern außerhalb Italiens und setzten eine jahrelange enge Verbindung fort, die zwischen den Kirchengemeinden Italiens und den italienischsprachigen Gemeinden Süddeutschlands besteht.
Beziehungen und kultureller Austausch zwischen Süddeutschland und Italien existieren schon lange. Ein Blick in die Geschichte zeigt: Nachdem die Römer im Zeitraum zwischen 15 v. Chr. und 260 n. Chr. in den germanischen Provinzen viele Spuren hinterlassen haben, waren es ab 1200 die „schwäbischen“ Hohenstaufer-Kaiser Friedrich I., genannt „Barbarossa“ (italienisch, „Rotbart“), und vor allem dessen Enkel Friedrich II., die das Reich nördlich der Alpen und das Südreich – also große Teile Italiens und Sizilien – intensiv verbunden haben ...
Um 1700 kamen italienische Baumeister und Künstler in den Raum Ludwigsburg – wo heute die neuapostolische italienische „Kerngemeinde“ ist –, um dort im Auftrag des württembergischen Königs Residenzschloss und Stadt zu bauen.
Nach dem 2. Weltkrieg setzte eine große Zuwanderungswelle ein: Durch das sogenannte „Gastarbeiterabkommen“ kamen ab Mitte der 195oer-Jahre viele italienische Staatsbürger über die Alpen (und hierzulande war gerade ab den fünfziger Jahren Urlaub in „bella Italia“ höchst erstrebenswert).
Heute leben in Deutschland 700.000 Italiener, davon im Gebiet der Neuapostolischen Kirche Süddeutschland, Baden-Württemberg und Bayern, circa 250.000. Sie haben das kulturelle Leben hier mit geprägt.
Den ersten Gottesdienst in Süddeutschland in italienischer Sprache hielt der damalige Priester Domenico Pini, der später das Hirtenamt trug, im Jahr 1960 – entsprechende Predigteinlagen und Übersetzungen gab es bereits ein paar Jahre zuvor. Damals war Bezirksapostel Georg Schall für Württemberg verantwortlich, der hierin seiner Zeit schon voraus war.
In der Amtszeit von Bezirksapostel Ernst Streckeisen, dem nachmaligen Stammapostel, einem ohnehin für andere Sprachen offenen Schweizer, der einige Jahre lang sowohl die Gläubigen in der Schweiz mit Italien als auch in Württemberg betreute, wurden dann anderssprachige Gemeinden gegründet, allen voran italienische: Anderssprachige Mitbürger konnten nun regelmäßig Gottesdienste in der Neuapostolischen Kirche in ihrer Muttersprache mitfeiern, auch die seelsorgerische Betreuung der Glaubenden erfolgte in Italienisch bzw. der jeweiligen Sprache – „Sprachgruppen-Seelsorger“ wurden gefördert. Bezirksapostel Streckeisen sandte in größeren Abständen zudem einen italienischsprachigen Amtsträger aus dem Tessin nach hier – häufig war es der spätere Apostel Luigi Albert –, um einen zentralen Gottesdienst in Italienisch durchzuführen.
Bald wurden auch Chöre ins Leben gerufen, die „in fremden Zungen“ sangen, denn nicht nur Amtsträger, sondern auch viele Sänger lernten in den 1970er- und 1980er-Jahren Italienisch und weitere Sprachen, um die Fremdsprachentätigkeit zu unterstützen, oder nahmen zumindest an Einführungen in die betreffende Sprache teil. Der erste Chor in italienischer Sprache wurde im Stuttgarter Raum zusammengestellt.
Auch die Bezirksapostel Karl Kühnle, der in allen Gemeinden in Württemberg und Bayern einen Amtsträger als Ansprechpartner speziell für Anderssprachige beauftragte und „Fremdsprachenbetreuer“ installierte, und Klaus Saur haben die anderssprachigen Gemeinden und Seelsorger in Süddeutschland sehr unterstützt und sich um die muttersprachliche Betreuung gerade auch der italienischen Glaubensgeschwister gesorgt – eine „Tradition“, die der heutige Bezirksapostel Michael Ehrich gerne weiterpflegt, ebenso die Kooperation zwischen Schweiz/Italien und Süddeutschland.
So kam der erwähnte spätere Apostel Luigi Albert schon als Bezirksältester regelmäßig nach Württemberg, um in Italienisch und später zudem in Spanisch Gottesdienst zu halten, oft begleitet von den Bezirksältesten Vorname Minosi und Bruno Rizzi. Rund 30 Jahre lang pflegte er diese Tradition. Nachdem er in den Ruhestand trat, setzten Bezirksapostel Armin Studer sowie die Apostel Bernhard Meier und Orando Mutti – alle aus der Schweiz – diese seelsorgerische Aufgabe fort.
In Württemberg, später auch in Bayern und Baden, in den Regionen also, die heute die Gebietskirche Süddeutschland ausmachen, sind so vor rund 50 Jahren Gemeinden und Stationen entstanden, die seit einigen Jahrzehnten zur „italienischen Sprachgruppe“ zusammengefasst sind – über Bezirks- und Apostelbereichsgrenzen hinweg: Italien in Süddeutschland!
Manche Familie und manche Amtsträger sind zwischenzeitlich aber auch nach Italien zurückgekehrt und unterstützen dort das Gemeindeleben. So gibt es viele persönliche und familiäre Verbindungen. Diese Freundschaften über Grenzen hinweg werden regelmäßig gepflegt: Italienische Jugendliche aus Süddeutschland fahren zu Jugendtagen nach Italien; mehrfach reisten süddeutsche Chorgruppen nach Norditalien, nahmen an gemeinsamen Gottesdiensten teil und sangen zusammen.












