SUCHTHELFER
als Botschafter der Hoffnung
In der internationalen Zeitschrift der Neuapostolischen Kirche „Unsere Familie“ – Ausgabe Nummer 10 vom 20. Mai 2010 – wird über das Langzeitprojekt „Suchthelfer“ berichtet, das in der Gebietskirche Süddeutschland durch Bezirksapostel Michael Ehrich installiert worden ist: An fünf Wochenenden wurden 25 Glaubens-Schwestern und -Brüder als ehrenamtliche Suchthelfer ausgebildet. Sie sollen für Suchtkranke und deren Angehörige eine erste Anlaufstelle sein:
Ist das Suchtproblem in unserer Kirche tatsächlich so groß, dass man Suchthelfer braucht? Die Antwort auf diese – zugegebenermaßen provokante – Frage gibt Diplom-Psychologe Hubert Wäschle vom Verein für Jugendhilfe im Landkreis Böblingen. Er arbeitet seit über 30 Jahren mit Suchthelfer-Gruppen und hat auch die 25 Freiwilligen der NAK Süddeutschland unterrichtet. „Man geht heute davon aus, dass etwas 1,5 Millionen erwachsene Menschen in Deutschland ein Alkoholproblem haben. Zudem haben rund 7,5 Millionen einen riskanten Konsum. Warum sollte die Neuapostolische Kirche, in der Menschen leben mit vergleichbaren Schwierigkeiten wie bei Menschen in allen anderen Gruppen in der Gesellschaft, von diesem Problem verschont bleiben? Ich finde es mutig von der Kirche, dass sie sagt: Wir haben dieses Problem, wir setzen uns damit auseinander. Und wir wollen es nicht verschweigen, sondern den Leuten helfen, die betroffen sind.
Zudem hatte es in der Gebietskirche Süddeutschland schon vor diesem Projekt einen Ansprechpartner für Suchtprobleme gegeben: Diakon i.R. Heinz Rempfer war über Jahrzehnte erste Anlaufstelle, wichtige Bezugsperson und eine große Hilfe für viele gewesen. Doch für einen Einzigen war die Arbeit einfach zu viel geworden. So nahm Bezirksapostel Michael Ehrich einen Vorschlag vom Ausschuss „Humanitäre Hilfen“ des Missionswerks der Gebietskirche Süddeutschland auf und befürwortete die Ausbildung weiterer Helfer.
Die 25 Suchthelfer stammen aus ganz Süddeutschland, vorwiegend aus Baden-Württemberg Sie sind zwischen 41 und 70 Jahre alt, üben ganz unterschiedliche Berufe aus – vom Metzger bis zum Diplom-Ingenieur. Eines haben sie gemeinsam: einen speziellen Bezug zum Thema sucht. Sei es, dass sie selbst einmal suchtkrank waren, sei es, dass in ihrem Umfeld Suchtprobleme auftraten. Dabei geht es nicht nur um Alkohol, sondern auch um Drogen oder um Essstörungen. Es ist eine bunt zusammengesetzte Gruppe, die aber gut harmoniert und in der nicht nur viel gearbeitet, sondern auch viel gelacht wird.
Einer von ihnen ist Marcus Stickel, ein 40-Jähriger, gelernter Maschinenschlosser, Familienvater. Er ist Priester, Dirigent, Orgelspieler – und seit viereinhalb Jahren trockener Alkoholiker. „Mir wurde bei meinem Suchtproblem relativ gut geholfen, auch mit Unterstützung von unserer Kirche“, erzählt er. „Ich habe mir damals schon vorgenommen: wenn es irgendwie machbar ist, dann will ich auch anderen Helfern, wenn’s mir wieder besser geht.“
Wie aber kommt es, dass ein Mensch zu Alkohol, zu Drogen greift? „Wenn man in einem inneren seelischen Konflikt hängenbleibt“, sagt Experte Wäschle. „Wenn die Ansprüche an sich selbst und die Realität weit auseinanderklaffen, dann sucht man nach einem Mittel, um diese Kluft zu überbrücken. Wenn ein Suchtkranker beispielsweise beschämt ist oder Angst hat, kann er nur mit Hilfe eines Suchtmittels damit zurechtkommen.“
Auch Marcus Stickel hat über den Anfang seiner Abhängigkeit lange nachgedacht. Wie fing alles an? „Auf ein richtig einschneidendes Ereignis bin ich nicht gekommen“, sagt er. „Mit Alkohol – vor allem mit Bier – bin ich schon immer relativ lässig umgegangen:“ Er trank nicht jeden Tag. Aber zehn Bier pro Tag war keine Seltenheit.
Im Seminar schildert Wäschle die verschiedenen Phasen einer Suchterkrankung. Dabei kann der Anfang zunächst recht positiv erscheinen. Ein Suchtmittel kann ängstliche, gehemmte Menschen auflockern, es kann ein Gefühl von Sicherheit geben. Eine Phase also, in der sich sowohl der Suchtkranke als auch seine Angehörigen wohlfühlen.
Die Probleme kommen später. Die Verdrängung. Die Scham und die Kontrollversuche seitens der Angehörigen. So war es auch bei Marcus Stickel. „Ich war damals Dirigent. Und wenn ich abends drei, vier Bier getrunken hatte, war mir klar: So kann ich keine Singstunde halten, das merken die Geschwister doch am Geruch.“ Deswegen hatte er große Gewissensbisse. „Ich wusste: Das ist nicht richtig. ich war aber nicht mutig genug, etwas dagegen zu unternehmen.“
Selbst ein schwerer Autounfall – er hatte sich mit zwei Promille Alkohol im Blut überschlagen und verlor für 18 Monate den Führerschein – konnte ihn nicht wirklich ausbremsen. „Ein normaler Mensch würde sagen: Das muss dir doch eine Lehre sein. Aber bei Süchtigen ist das einfach anders. Es wird verdrängt, man macht weiter. Erst, wenn wirklich nichts mehr geht, ist man bereit, etwas zu verändern.“
Bei Marcus Stickel dauerte es rund fünfzehn Jahre, bis er zur Veränderung bereit war. Seine Frau hatte ihn zwar immer wieder auf sein Alkoholproblem angesprochen. Ohne Erfolg. Doch irgendwann sagte sie ihm: „So kann ich nicht weitermachen.“
Auch das ist ein Punkt, den Hubert Wäschle im Seminar mit den Suchthelfern anspricht: die Beziehung zwischen dem Suchtkranken und seinen Angehörigen. Sie bewegen sich in einem Teufelskreis, in dem alles auf die Bedürfnisse des Abhängigen ausgerichtet ist. „Suchtkranke sind grenzenlose Menschen, sie können sich keine Grenzen mehr setzen. Und wer immer mit solchen Menschen zu tun hat – Angehörige, Gemeindemitglieder, Vorsteher –, der kommt auch selbst schnell an seine Grenzen.“
Daher ist es eine wichtige Aufgabe eines Suchthelfers, nicht nur dem Abhängigen zu helfen, sondern auch den Co-Abhängigen. Er kann ihnen Mut machen, ihre eigenen Bedürfnisse gegenüber dem Suchtkranken zu vertreten. Er kann ihnen Kontakte zu professionellen Stellen, zu Selbsthilfegruppen vermitteln. Denn meist leiden die Angehörigen mindestens ebenso stark unter der Sucht wie der Kranke selbst.
Marcus Stickel wollte seiner Frau – und auch sich selbst – beweisen, dass er sein Suchtproblem ohne fremde Hilfe in den Griff bekommen konnte. „Dann habe ich wirklich sechs Wochen lang keinen Schluck Alkohol getrunken. Heute weiß ich: das ist normal, das kann jeder.“ Der Absturz danach war umso tiefer. Bei einem Geschäftsjubiläum wurde ihm ein Glas Sekt angeboten. „Ich habe das Glas Sekt getrunken – und bin an dem Abend so versumpft, dass ich morgens auf einer Parkbank aufgewacht bin. Ein paar Meter von mir entfernt waren ein paar Obdachlose. Und ich habe mir die Frage gestellt: Wie lange brauche ich noch, bis ich so aussehe wie die?“
An diesem Tag traf Marcus Stickel seine Entscheidung: „Ich muss was machen, ich kann das alleine nicht in den Griff kriegen, ich brauche professionelle Hilfe.“ Sein Bezirksevangelist war seine erste Anlaufstelle, dann wurde Diakon Rempfer eingeschaltet. Es folgten vier Monate stationäre Therapie. Seitdem ist er trocken.
„Wer einem Abhängigen den Alkohol wegnimmt, nimmt ihm eine Krücke weg“, so formuliert es Experte Wäschle im Lehrgang. Der Suchtkranke muss dann erst mühsam wieder laufen lernen. „Ein Suchthelfer kann dabei Hoffnung machen – nicht zuletzt aus dem christlichen Glauben heraus. Sie als Suchthelfer sind Botschafter der Hoffnung.“
Zusammen mit Heinz Rempfer bietet Marcus Stickel schon seit einiger Zeit Vorträge und Gespräche für Suchtbetroffene an, so zum Beispiel auch im Forum Fasanenhof. Da war es nu reine logische Folge, dass er jetzt auch die weiterführende Ausbildung zum Suchthelfer besucht hat. „Mir hat dieser Lehrgang sehr viel gebracht. Zum einen ist es eine wirklich tolle Gruppe – ich habe mich jedes Mal auf die Seminar-Wochenenden gefreut. Und wir lernen hier sehr viel. Zum Beispiel, wie man mit Menschen umgeht, wie man Gespräche führt.“
Wertvoll sind vor allem die vielen Rollenspiele. Darin üben die Suchthelfer, wie Gespräche mit Angehörigen oder Abhängigen ablaufen können. Sie werden darin geschult, sich vom Suchtkranken nicht instrumentalisieren zu lassen und sich ihre Unabhängigkeit zu bewahren. Sie üben aber auch das aktive Zuhören. Wäschle: „Wir trainieren hier im Lehrgang sehr stark, dass der Helfer die Fragen hört, die ihm gestellt werden. Das können direkte Fragen sein – aber auch indirekte, eher versteckte Fragen.“
Nicht immer muss ein Suchthelfer warten, bis jemand auf ihn zukommt. Marcus Stickel hat auch schon Geschwister angesprochen, die er für gefährdet hielt. Zwar war die Reaktion „zu 75 Prozent ablehnend. Aber ich denke, so ein Gespräch ist nie vergebens. Denn es bleibt im Bewusstsein und setzt Denkprozesse in Gang. Ich erzähle dann einfach von mir selbst und sage: bei mir lief das Ganze so ab. Willst du auch so weit kommen oder willst du nicht doch vorher etwas unternehmen? Denn wir möchten unsere Geschwister einfach so früh wie möglich abfangen, bevor es zur Katastrophe kommt.“
Kontakt zu den NAK-Suchthelfern findet man so: entweder über die Vermittlung des jeweiligen Bezirksältesten. Oder im Internet: auf www.nak-sued.de gibt es unter der Überschrift „Kirche in der Gesellschaft“ den Punkt „Aktuelle Fragen“. Wenn man diesen anklickt, erscheint unter anderem das Wort Suchtbeauftragter und dort dann ein Mail-Formular.






